Tiroler Freiheitskampf Michael Gaismairs 1525

Tiroler Freiheitskampf Michael Gaismairs 1525

Tiroler Freiheitskampf Michael Gaismairs 1525

# Evangelisches Leben

Tiroler Freiheitskampf Michael Gaismairs 1525

Ein Mann aus dem Herzen Tirols

Michael Gaismair, geboren um 1490 in Tschöfs bei Sterzing, war kein einfacher Bauer, sondern Sohn eines wohlhabenden Bergwerksunternehmers und Landwirts. Durch seine Ausbildung und Tätigkeit als Schreiber in der Landesverwaltung lernte er früh die Machtstrukturen Tirols kennen. Er arbeitete zunächst im Dienst des Landeshauptmanns Leonhard von Völs, später für den Fürstbischof von Brixen. Das lag vor allem an den unterschiedlichen Herrschaftsstrukturen des Gebiets, welches wir heute als Nord- bzw. Südtirol und Osttirol bezeichnen. Diese Positionen gaben ihm tiefe Einblicke in Verwaltung, Recht und Politik – und in die Ungleichheiten der Gesellschaft.

Als 1525 in Brixen ein lokaler Aufstand gegen die willkürliche Bischofsherrschaft ausbrach, rückte Gaismair ins Zentrum der Bewegung. Die Hinrichtung des Widerstandskämpfers Peter Paßler löste Unruhen aus, bei denen bewaffnete Aufständische den Bischofssitz einnahmen. Gaismair wurde zum obersten Feldhauptmann gewählt. In seinen berühmten Artikeln forderte er Gleichheit vor dem Gesetz, die Wahl von Pfarrern und Richtern durch das Volk, die Abschaffung der weltlichen Macht der Kirche sowie ein Ende der Abgabenlast für die einfachen Leute. Allerdings kam es auch zu Plünderungen seitens Geismairs Mitstreiter, was folglich zu Verwerfungen in der Gegend führte.

 

Der Aufstand – Ziele und Grenzen

Die Tiroler Bauern, mitbeeinflusst von reformatorischen Ideen, traten mit 64 Artikeln an den Landtag heran. Gaismair war keiner von ihnen, er galt als Radikaler. Sie verlangten tiefgreifende politische und kirchliche Reformen. Erzherzog Ferdinand I. reagierte zunächst verhandlungsbereit, aber unbestimmt. Dennoch konnten die Bauern einen Großteil ihrer Forderungen, wenn auch nicht alle, beim Landesherrn durchbringen. Gaismair dagegen wurde verhaftet, auch wegen der bereits angesprochenen Plünderungen. Seine Haft dürfte in Innsbruck milde gewesen sein. Anstatt wie den Behörden versprochen in der Stadt zu verweilen, floh er aus der Stadt. Von nun an verschärfte sich die Gangart der Behörden gegen ihn, die allerdings nicht überall volle Autorität genossen und unter chronischem Geldmangel litten.

Der Aufstand war kein reiner »Glaubenskrieg«. Zwar spielten konfessionelle Argumente eine Rolle, vor allem die Berufung auf das Evangelium und die Gleichheit aller Christen. Doch im Kern ging es um Herrschaft, Machtverteilung und den Bruch mit starren, jahrhundertealten Strukturen. Ferdinand I. wusste das und konnte daher auch am Landtag viele Forderungen der Bauern annehmen, ohne kirchliche (katholische) oder landesherrliche Grundordnungen zu durchkreuzen.

Gaismairs grober Entwurf einer »Tiroler Landesordnung« von 1526 skizzierte einen egalitären Bauern- und Knappenstaat – inspiriert vom Beispiel Graubündens und der Republik Venedig. Er wollte Macht auf breite Schultern verteilen und kirchliche wie adelige Privilegien abbauen. Damit stellte er sich offen gegen die Obrigkeit – ein Schritt, der ihn zu einem gefährlichen Mann in den Augen der Mächtigen machte. Auch durch den Kontakt mit dem Zürcher Reformator Zwingli erarbeitete er einige dieser Grundgedanken.


Exil, Krieg und der gewaltsame Tod

Nach der Niederlage in Tirol und Salzburg zog sich Gaismair mit Getreuen nach Venetien zurück, wo er als Söldnerführer im Auftrag der Republik Venedig kämpfte. Seine Hoffnung, Tirol doch noch in einen freien Bauernstaat zu verwandeln, gab er nicht auf. Mehrfach versuchte er, Aufstände neu zu entfachen, scheiterte jedoch an der militärischen Übermacht der Habsburger und am mangelnden Rückhalt. Zuletzt bekam er Unterschlupf bei den Feinden der Habsburger, den Venezianern. Verloren waren seine Schlachten in Tirol und im Erzbistum Salzburg. Am 15. April 1532 wurde Gaismair in Padua von gedungenen Mördern erstochen – 42 Messerstiche beendeten sein Leben. Die Attentäter waren die Habsburger Behörden, die ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt hatten.

 

Erinnerung und Deutung

Gaismair blieb lange eine Randfigur der Geschichtsschreibung. Für die Herrschenden war er ein gefährlicher Aufrührer, ein Häretiker und »Luth‘rischer«. Im Tiroler Gedächtnis stand er im Schatten von Gestalten wie Andreas Hofer, der für eine ganz andere Form von Loyalität und Heimatkampf stand. Erst die marxistische Forschung des 19. Jahrhunderts, allen voran Friedrich Engels, sah in ihm einen »Frühsozialisten«. Allerdings waren die Marxisten nicht an der Person und ihrer genauen Historizität interessiert, viel mehr sahen sie in Gaismair eine idealisierte historische Figur eines postulierten Klassenkampfes. Seit den 1950er-Jahren bemüht sich die Geschichtswissenschaft darum, Gaismair differenzierter zu betrachten. Heute gilt er als Symbolfigur für den Widerstand gegen Willkür und Machtmissbrauch – und als Mahnung, Freiheit nicht als selbstverständlich zu sehen.

Doch sein Erbe ist ambivalent. Der Bauernaufstand brachte nicht nur Visionen von Gerechtigkeit, sondern auch Gewalt, Plünderungen und fragwürdige Methoden. Gerade diese Mischung macht Gaismair interessant: Er war weder reiner Held noch bloßer Rebell, sondern ein Mensch, der bereit war, für seine Überzeugungen zu kämpfen – auch um einen hohen Preis.


Buchtipp:

Wer tiefer in die Zeit des Tiroler Bauernkriegs eintauchen will, dem sei Robert Rebitsch: Revolution 1525 empfohlen. Das Werk beleuchtet die Ereignisse im Tiroler Raum detailliert, hinterfragt die politische und soziale Dynamik der Zeit und widmet sich auch der Frage, warum Michael Gaismair so lange aus dem kollektiven Gedächtnis Tirols verdrängt wurde. Ist es nicht bemerkenswert, dass er als Häretiker und Lutherischer gebrandmarkt wurde, während andere als Helden gefeiert werden? Vielleicht lohnt es sich heute mehr denn je, ihn als Freiheitskämpfer zu sehen – anders als Andreas Hofer, aber mit nicht minderer Entschlossenheit, Missstände klar zu benennen und Veränderungen zu fordern.

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